Evangelische Kirchenbezirk A.B. Schäßburg
Predigt des Landesbischofs Reinhart Guib zum dem für den 8. Sonntag nach Trinitatis.
Festgelegten Predigttext – Mk.12,41-44 (IV) 
700 Jahre Rauthal – Evangelische Kirche Rauthal – 06.08.2022, 10.30 Uhr

„Und Jesus setzte sich dem Gotteskasten gegenüber und sah zu, wie das Volk Geld einlegte in den Gotteskasten. Und viele Reiche legten viel ein. Und es kam eine arme Witwe und legte zwei Scherflein ein; das ist ein Heller. Und er rief seine Jünger zu sich und sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr in den Gotteskasten gelegt als alle, die etwas eingelegt haben. Denn sie haben alle von ihrem Überfluss eingelegt; diese aber hat von ihrer Armut ihre ganze Habe eingelegt, alles, was sie zum Leben hatte.“ 

Hohe Vertreter der siebenbürgisch-sächsischen Gemeinschaft in Siebenbürgen und Deutschland! Ehrwürdige Pfarrerschaft! Liebe Rauthaler Festgemeinde! Geliebte Schwestern und Brüder! 

700 Jahre Rauthal – das ist ein Fest wert. Und siehe da die Rauthaler haben sich aus Deutschland und Österreich mit den Rauthalern vor Ort verständigt und ein schönes Fest geplant. Ein Fest, dass die Rauthaler über Grenzen vereint, die HOG, das Bezirkskonsistorium, Dechant und Pfarrerin und Pfarrer, der Kurator, die Gemeinde und sogar unsere Kirchenleitung. Mitten im siebenbürgischen Kultursommer. Das freut mich sehr. Ich danke herzlich für die Einladung und die damit ausgedrückte Verbundenheit zwischen den Rauthalern und Ihrer Heimat, Heimatdorf und Heimatkirche. 

Wir gedenken heute auch der Geschichte des Dorfes und der Kirche. An die erste urkundliche Erwähnung 1322, als der Woiwode Thomas bestätigt, dass Rauthal,  die „possesio Rundal“ im Besitz der Adligen Apafí und Bethlen ist und zum Weißenburger Komitat gehört. Es waren schwere Zeiten, in denen Plünderungen, Hatterstreitigkeiten, der ständige Wechsel der Adligen dem Dorf große Heimsuchungen bescherte und vor große Herausforderungen stellte. Der Bau der Kirche im 15. Jh. gab aber den Rauthalern Festigkeit im Glauben und Mut zum Bestehen gegen alle widerwärtigen Kräfte, seien es die einheimischen Adligen oder die von außerhalb Siebenbürgens zusetzenden Feinde. Auch wenn die Gemeinde klein und arm war setzte sie sich voll ein, mit ganzer Hingabe für den Erhalt von Gemeinde und Kirche, Sprache und Glauben, in Gemein-schaft und mit Gottvertrauen. 1988 habe ich das auch selbst erlebt auf Tournee mit einem Verkündigungsspiel der Theologiestudenten aus Hermannstadt als wir in Rauthal einkehrten. Eine volle Kirche und eine überwältigende Gastfreundlichkeit sind mir bis heute in lebhafter Erinnerung 

Um Glauben und Gottvertrauen geht es doch auch in unserem Predigtwort aus dem Markusevangelium. Gewiss, es ist sonderbar solch ein Wort zum 700-Jubiläum der Gemeinde zu hören. Und mehr als eigenartig an diesem Festtag vom Geld zu reden, das doch keineswegs im Mittelpunkt steht. Auch wenn gerade bei einem Fest oft nicht nur viel Alkohol fließt, sondern auch das Geld lockerer aus der Tasche fliegt. In dem Sinne freut sich die Kirchengemeinde über eine leise Spende. Dennoch bringt diese Geschichte etwas Wesentliches rüber. Nicht die große Zahl, nicht der große Reichtum und auch nicht das viele Geld ist das Entscheidende, sondern der volle Einsatz, ja die Hingabe an die Sache macht den Unterschied. 

Es ist nicht gleich ob ich bloß etwas gebe, auch wenn es viel ist, oder ob ich mich selber in etwas hineingebe mit vollem Einsatz. Diese arme Frau zeigt uns was im Leben wirklich zählt: Dass es nicht darauf ankommt wieviel wir bislang für andere, ja für Rauthal gegeben haben, sondern wie sehr wir uns selbst in etwas hineingegeben haben, in die Geschichte unseres Dorfes, unserer Kirche, für unsere Gemeinschaft und für ihre Zukunft. 

Wenn wir die Situation damals mit unseren Augen heute betrachten finden wir die Tat der Frau wohl leichtsinnig und verantwortungslos sich selbst und ihrem Leben gegenüber. Wer von uns würde schon so weit gehen alles zu geben was er oder sie hat und dann? Auch wenn uns das nicht verlangt wird, so warnt uns diese Geschichte bei unseren öffentlichen Auftritten, auch bei einem Feiertag wie heute, ein Spektakel daraus zu machen und an unsere Brust zu schlagen wie großartig wir sind. Diese Frau investiert nicht Geld. Sie investiert sich selbst. Sie investiert Vertrauen in Gott. Wie heute so auch damals: Die stark klingenden Groschen der Wohhabenden werden wohl von allen gehört und sie haben ihren Lohn dahin, aber ihre leise Spende, von Herzen, wird von Jesus gesehen. Vom Himmel. Und das ist das Entscheidende. Nichts, was wir von Herzen geben ist vergeblich. Und nichts, was wir von Herzen tun ist umsonst. Wer von Herzen gibt und tut und mit dem Geben und Tun sich selber schenkt der wird gesehen. Von dem gesehen der weiter sieht, bis in die Ewigkeit. 

Gott sieht unser Tun und Geben. Auch das der Rauthaler: Dass ihr den Friedhof vorbildlich bis heute pflegt und instandhaltet und damit eure Ahnen ehrt. Dass ihr die Kirche wert achtet und das Kirchendach gemeinsam mit dem Bezirkskonsistorium letztes Jahr dicht gemacht habt. Euch auch beim Streichen des Pfarrhauses, das als Winterkirche und Begegnungsort dient, mitbeteiligt und dem Bezirkskonsistorium beigestanden seid. Sogar das Kulturhaus hat euer Vorsitzender schön hergerichtet. Die Gemeinde ist nach der großen Auswanderung 1990 in den letzten Jahren mit rund 40 Rauthalern, die sich wieder in die Gemeinde eingetragen haben, auf 61 Seelen gewachsen. Wir könnten sagen: Was will man mehr? Was dabei wichtig ist, ist das nicht Berechnung, sondern Liebe und Hingabe sich in all dem wiederfindet. Das lehrt uns das heutige Predigtwort. Darauf weist uns Jesus hin. Wir merken diese Geschichte ist aus dem Leben auch für unser Leben heute vom Evangelisten Markus aufgeschrieben. 

Noch einen Gedanken möchte ich mit euch teilen. Mir ahnt, dass diese Frau mit ihrem letzten Geld auch ihre Armut selbst in den Gotteskasten gelegt hat. Auch ihre Verzweiflung, ihre Trauer, ihre Tränen, ihren Schmerz, ihre Unsicherheit, ihre Enttäuschungen, ihre Einsamkeit, ihre Schwäche und noch viel mehr. Dort im Gotteskasten sind sie am besten aufgehoben. 

Wir wissen leider nicht wie es mit ihr weitergegangen ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass sie, die sich Selbst-Hingebende, es auf andere Weise vielfach empfangen hat. Dass sie lächelnd, erleichtert und befreit in den Tag den Gott ihr schenkt hineingegangen ist, voll des Vertrauens, Gott wird sich ihrer annehmen. 

Jesus jedenfalls lobt sie, ohne aber die Anderen schlecht zu reden. Es tut gut zu wissen, dass wir mit unserem Überfluß, von dem wir einiges für die Sache Gottes und die Gemeinschaft geben, zu ihm, dem Herrn der Kirche, gehören. Und es tut gut zu spüren, dass wir mit unserer Armut und Schwachheit, mit der wir zum Herrn und seiner Kirche kommen dürfen, bei ihm gut aufgehoben sind. Er spricht doch in der Jahreslosung uns allen zu: „Wer zu mir kommt, den werde ich nicht abweisen.“ Nehmen wir das mit ins Feiern und dann wieder in unseren Alltag. Und vergessen wir nicht zu geben und tun mit voller Hingabe und von Herzen. Dann müssen wir uns für die Zukunft Rauthals keine Sorgen machen. Ich bin gewiss: Dann wird der Herr seinen Segen schenken.  

Amen. 


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